Dieser Artikel wurde von Alex geschrieben, und am 25.10.2009 in der Kategorie Nachgetreten veröffentlicht. Bisher hat noch keiner an der Mannschaftsbesprechung teilgenommen.

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Ein Dorf geht auf die Reise


Im Oberliga-Duell des 8.Spieltages der Saison 1954/1955 steht es zwischen den Betriebssportgemeinschaften Empor Lauter und Rotation Babelsberg nach 90 Minuten 1:0 für die Gastgeber aus dem Erzgebirge. Mit 10:6 Punkten führen die Lauterer die Tabelle der obersten DDR-Spielklasse an. Es ist das letzte Mal dass 11 Spieler für das 8000-Seelen-Dorf Lauter in der Oberliga an den Ball gehen.

Der DDR-Fußball war einem steten Wandel unterzogen und immer ein Spielball lokaler Sekretäre und Sportfunktionäre. So war es nicht ungewöhnlich, wenn Vereine zusammengelegt, neue Vereine aus dem Boden gestampft, ganze Mannschaften von A nach B transferiert, oder aber Vereine aufgelöst wurden. Prominentestes Beispiel bis dato ist die Auflösung des sächsischen Vorzeigeklubs SG Dresden-Friedrichstadt im Jahre 1950 und die damit verbundene Ausreise vieler Leistungsträger des Dresdner Fußballs. Unter ihnen der spätere Bundestrainer Helmut Schön. Am letzten Spieltag der Saison 1949/50 kommt es zur Begegnung zwischen dem Tabellenführer aus Dresden und seinem direkten Verfolger aus Zwickau. Die Zwickauer müssen das Spiel gewinnen, um die Meisterschaft für sich zu entscheiden. Es hätte der Premierensaison der Oberliga sicherlich einen faden Beigeschmack hinzugefügt, wenn mit der SG Dresden-Friedrichstadt ein bürgerlicher Verein die symbolträchtige Meisterschaft gewonnen hätte.

Es entwickelt sich ein Skandalspiel im Heinz-Steyer-Stadion zu Dresden, und am Ende gewinnt mit der ZSG Horch Zwickau eine vom Deutschen Sportausschuss protegierte Betriebssportgemeinschaft sowohl das Duell auf dem Platz deutlich mit 5:1, als auch das Rennen um die Meisterschaft. Die Ausschreitungen nach dem Spiel, denn die Dresdner wittern eine Schiebung, werden von der Sportführung zum Anlass genommen die SG Dresden-Friedrichstadt aufzulösen.

Auch in der Saison 1954/55 kommt es wieder zu den üblichen Veränderungen innerhalb der Ligen. Was man in Westdeutschland Spielertransfer nennt, ist im Osten als Delegierung bekannt. So wird die komplette Mannschaft der SG Dynamo Dresden nach Berlin transferiert, um dort als SC Dynamo Berlin in der Meisterschaft zu starten. Rotation Dresden macht den Platz frei für den SC Einheit Dresden. Dynamo Dresden dagegen wird in die Liga versetzt, startet also in der zweithöchsten DDR-Spielklasse. Es zeigt sich ein starkes Nord-Süd-Gefälle im ostdeutschen Fußball. Es gibt keinen norddeutschen Klub in der Oberliga, dagegen stellen mit dem SC Wismut Karl-Marx-Stadt, dem SC Rotation Leipzig, dem SC Einheit Dresden, Motor Zwickau, Chemie Karl-Marx-Stadt, dem SC Lok Leipzig und Fortschritt Meerane 7 Vereine aus Sachsen die Hälfte der Ligavereine.

Harry Tisch, dem 1. Sekretär der SED im Bezirk Rostock gefällt dieser Umstand nicht, er will nicht für guten Fußball extra bis nach Berlin oder gar Sachsen fahren, und so umgarnt er die Spieler des kleinen erzgebirgischen Dorfes Lauter und gaukelt ihnen la dolce vita am Ostseestrand vor, verspricht Ferienplätze und Wohnungen in der Altstadt von Rostock. Dass in Lauter die Infrastruktur fehlt, man spielt in der Kampfbahn des Friedens in Schwarzenberg, kommt dem aufstrebenden SED-Mann entgegen. Nach anfänglicher Skepsis, lässt sich ein Großteil der Mannschaft zum Wechsel nach Mecklenburg überzeugen.

Nun geht alles sehr schnell. Das Punktspiel des 9. Spieltages gegen Motor Zwickau wird abgesagt, und die wechselwilligen Spieler, samt deren Familien und ihrem Trainer Oswald Pfau am 25. Oktober 1954 nach Rostock verschifft. Es kommt jedoch zu Komplikationen, denn viele Lauterer haben von der Nacht-und-Nebel-Aktion Wind bekommen. Auch wenn mit dem SC Karl-Marx-Stadt im nahe gelegenen Aue eine weitere Mannschaft in der Oberliga spielt, wehren sich die Einwohner des kleinen Dorfes gegen die Versetzung ihrer Mannschaft. Sie protestieren und schicken Unterschriftenlisten an die Funktionäre. Es hilft alles nichts.

In Rostock angekommen ist für die Spieler vom schönen Leben erst einmal nichts zu spüren, anstelle von prophezeiten Wohnungen wird ihnen das Hotel “Mecklenburger Hof” zugewiesen, in dem sie nun zusammen mit ihrem Trainer wohnen, der als Anstandsdame aufpasst, dass die Spieler keinen Alkohol zu sich nehmen.

Am 11. November 1954 übernimmt der SC Empor Rostock den Oberligastartplatz der BSG Empor Lauter und kommt am 14. November 1954 vor 17.000 Zuschauern im neuen Ostseestadion zu einem 0:0 gegen Chemie Karl-Marx-Stadt. Als Neuntplatzierter schließt man die Saison 1954/1955 ab. Ein paar Jahre später, am 28. November 1965, wird die Fußballabteilung des SC Empor Rostock ausgegliedert, und geht von nun an als F.C. Hansa Rostock in der Oberliga an den Ball.

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